16. April 2019

„Ich mag den Kontrast zwischen Ordnung und Chaos"

Das Wichtigste einer Landesgartenschau ist die Daueranlage, das, was bleibt. Aber dennoch dürfen die Gäste im Ausstellungsjahr auch üppige Pflanzenpracht erwarten. Ein Interview mit der Pflanzplanerin Petra Pelz, die den Wechselflor für die Landesgartenschau entworfen hat. Die gebürtige Magdeburgerin ist eine der renommiertesten Landschaftsarchitektinnen Deutschlands. Nach ihrer Ausbildung zur Gärtnerin studierte sie Garten- und Landschaftsbau in Erfurt, war beim Gartenamt der Stadt Magdeburg tätig, bevor sie sich 1993 mit ihrem eigenen Landschaftsarchitekturbüro selbstständig machte. Sie hat großflächige Bepflanzungskonzepte entworfen und realisiert unter anderem für: IGA Berlin, IGS Hamburg, BUGA Havelregion, BUGA Koblenz sowie die Landesgartenschauen in Bayreuth, Eutin und Gießen und aktuell für die BUGA 2019 in Heilbronn.

Frau Pelz, was macht für Sie einen besonderen Garten aus?
Er muss dynamisch sein. Das bedeutet, dass er vom ersten Austrieb bis in den Herbst hinein schön sein sollte, dass er sich immer wieder verändert und dass man die Jahreszeiten ablesen kann. Es sollte immer etwas blühen im Garten oder einen schönen Anreiz bieten.

Das können auch mal besondere Gräser oder Blätter sein?
Richtig. Und ein farblich schönes Herbstlaub oder Früchte ergeben auch wunderschöne Bilder. Man muss einfach über den Blühaspekt hinausschauen. Ich will keine Pflanze, die nur kurz und schön blüht und dann in sich zusammenfällt.

Ein Gartenbuch von Wolfgang Oehme soll Sie besonders beeindruckt haben. Warum?
Weil ich bis dahin in meiner beruflichen Laufbahn noch nie solche Pflanzungen gesehen hatte, wie Oehme sie entwarf. Er arbeitete großflächig und vor allem maßstäblich. Großen Räumen stellte er große Flächen gegenüber, alles war so stimmig und passend zur jeweiligen Baumasse, egal ob in einem Hinterhofgarten oder einem großen Platz. Er hat immer die Umgebung miteinbezogen. Und vor allem seine unkomplizierte Art Pflanzen zu verwenden, hat mir imponiert.

Wie hat das Ihre Arbeitsweise verändert?
Das hat vor allem meine Pflanzenkenntnis erweitert. Gleichzeitig hatte ich ja nun nach der Wende die uneingeschränkte Möglichkeit, auf Reisen zu gehen, neue Pflanzen zu entdecken und mich auszuprobieren. Dazu hat er mich inspiriert. Anfangs war ich nah dran an seinen Ideen, aber inzwischen habe ich meinen ganz eigenen Stil. Geblieben aber ist die Großzügigkeit im Umgang mit Pflanzen.

Was ist der erste Schritt, wenn Sie mit Ihren Pflanzkonzepten beginnen?
Als erstes zeichne ich großzügige Farbflächen, die ich im zweiten Schritt untergliedere. Nachdem ich ein Gefühl dafür habe, was ich will, lege ich die Zeichnungen weg und beginne mit dem Entwurf von Teilflächen, bei denen ich mich farblich festlege. Passen dazu suche ich für jede Jahreszeit die entsprechenden Bausteine. Höhen und Tiefen, die Blätter und die passenden farblichen Ergänzungen spielen dabei eine Rolle. Und die Identität des Ortes

Wie haben Sie sich an die Landesgartenschau herangetastet?
Ich habe natürlich viel recherchiert, und nachdem ich zwei Tage lang in den Bergen eingeschneit war, hatte ich dazu reichlich Gelegenheit. Das war sehr entspannend. Die Geschichte der Stadt und die Genussthemen sind sofort bei mir hängengeblieben.

Sie sind immer auf der Suche nach neuen Pflanzen oder ungewöhnlichen Kombinationen. Was bringen Sie uns da mit?
Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich das so genau noch nicht sagen, denn erst einmal steht ja das Konzept. Natürlich ist das hinterlegt mit Pflanzvorschlägen, aber die Feinarbeit kommt jetzt. Sicherlich halte ich Ausschau nach Besonderem, das ist klar, ich denke da an einen neuen Salbei oder an neue Dahliensorten. Aber auch mit bekannten Pflanzen kann man überraschen, mit Kräutern genauso wie mit Artischocken oder Lampenputzern. Doch bei aller Besonderheit muss es natürlich sein, das ist mir sehr wichtig. Und selbstverständlich dürfen die Besucher der Landesgartenschau auch Klassiker wie Tulpen erwarten.

Wie oft wird der Flor gewechselt?
Wir werden eine Frühjahrs- und Sommerbepflanzung haben und etwa um Pfingsten wechseln.

Was sollte in einem Garten niemals fehlen?
Ein Fixpunkt, der Halt gibt und ordnet. Zum Beispiel eine Bank oder ein Pavillon, es kann auch eine Skulptur sein. Bei mir ist das eine Konstruktion aus rotgestrichenen Holzplatten, mit einem Ausschnitt, den ich meinen Fernseher nenne. Durch ihn gucke ich in meinen erweiterten Wohnraum.

Und wie sieht Ihr eigener Garten aus?
Er ist eine geordnete Wildnis, ich mag den Kontrast zwischen Ordnung und Chaos.

Wie darf man sich das konkret vorstellen?
Da ist auf der einen Seite ein gepflegtes Rasenstück und auf der anderen sind es überbordende Stauden. Das erzeugt Spannung und die braucht ein Garten.

Wechselflor

Pflanzen erzählen Geschichten

Petra Pelz malt mit Pflanzen grandiose Farbwelten in die Landschaft. Ihr Wechselflor wird auch bei der Landesgartenschau Überlingen zu den Höhepunkten der Ausstellung zählen. Der Wechselflor ist die Art der Bepflanzung, die jahreszeitenbedingt bei einer Gartenschau unterschiedlich oft wechselt. In Überlingen wird er während der 179 Tage einmal in allen vier eingezäunten Ausstellungsbereichen erneuert: im Uferpark, in den Villengärten, den Rosenobel- und den Menzinger Gärten.

Inspiriert von den Besonderheiten der ersten Landesgartenschau am Bodensee –vom Wein, dem Apfelanbau, dem Wasser, der Historie und der badischen Genussregion insgesamt – lädt die Gartendesignerin die Besucherinnen und Besucher 2020 zum Lustwandeln ein. Mit viel Einfühlungsvermögen für den jeweiligen Ort überrascht sie mit aufregenden Pflanzen- und Farbkombinationen. „Das Motto der Landesgartenschau, erfrischend, grenzenlos, gartenreich, heißtauf den Wechselflor übersetzt: erfrischendes Lustwandeln durch ein grenzenloses Gartenreich voller kulinarischer Genüsse, spannender Geschichten rund um die Region und Lustwandeln durch einen mondänen Kurort mit einer einzigartigen Atmosphäre“, fasst die Landschaftsarchitektin ihr Konzept zusammen, von denen sie nun erste Ideen preis gibt.

Uferpark

Für die insgesamt 24 Wechselflorflächen allein im Uferpark, unter anderem am repräsentativen Eingangsbereich, entlang der Wege und Wegabzweigungen sowie bei der Gastronomie, hat Petra Pelz acht Themen, die sich jeweils dreimal wiederholen, konzipiert. Apfelpower ist eines davon. Das Leitgehölz im Wechselflor ist dabei der kleinfruchtige Zierapfel. Seine zarten weißen Blüten entfalten sich im Mai zu großer Pracht und im Herbst erfreut er mit seinen vielen erbsengroßen roten Früchten nicht nur das Auge der Betrachter, sondern auch Vögel und Kleiniere, die ihn gerne auf dem Speiseplan haben. Kräftige Farben – Gelb, Orange, ein kraftvolles Rot, sattes Blau oder tiefdunkles Violett begleiten die Leitstruktur.

Beim Thema „Müller-Thurgau trifft Blauburgunder“ fokussiert Petra Pelz auf die Farben Crème und Grün sowie kühles Blau und Violett. Wein und die Heckenzwiebel dienen hierbei als pflanzliches Rückgrat. Das Leitgehölz sind tatsächlich Weinreben der genannten Sorten. In einem anderen Beet begleiten Sommerblumen in Blau und Weiß gemischt mit wenig Violett den hohen blauen Salbei, inspiriert von einem Schwarm Bodenseefelchen. Schaumig weiße Blüten und das silbrige Laub einjähriger Pflanzen wie dem weißfilzigen Greiskraut muten an wie das glitzernde Wasser des Sees im Sommer.

Der Geist der Gunzoburg

Angeregt von der Geschichte der bald 1250 Jahre alten Stadt Überlingen gestaltet Petra Pelz die beiden innerstädtischen Ausstellungsbereiche Menzinger Gärten und Rosenobelgärten. Ein Thema: Müllers Abendhimmel. Damit nimmt sie Bezug auf die von Bruno Müller gegründete Sternwarte. Eine halbhohe blaue Bepflanzung dient als Grundlage, in die sie tropfenförmige weiße und gelbe Pflanzen setzt, die aus dem blauen Meer herausragen, zuerst ganz dicht in der Mitte und zum Rand hin immer lockererer gesetzt. Für das „Goldene Kegelspil im Abtsberg“ hat die Landschaftsarchitektin tief in der Geschichte gegraben und ein Konzept entwickelt mit leuchtenden Pflanzungen in Goldgelb, unter anderem mit hohen Dahlien in Gold- und Bronzetönen. Den „Geist der Gunzoburg“ beschwört sie mit feurigen Farbtönen in Rot, Orange und Braun hervor.

Eleganz in den Villengärten

Mit den Villengärten am See verbindet Petra Pelz den Begriff mondän. Und diese Art der Eleganz interpretiert sie in acht Farben, flächig angelegt, zum Beispiel mit Dahlien in noblem Rosé und Weiß gepaart mit Ziertabak im Sommer – ein Traum in Pastell. Oder mit Rittersporn und Salbei für himmelblaue klare Töne, mit Holunder, Lampenputzer und buntblättrigem Mais für dramatisches Schwarz-Rot, oder mit Sonnenblumen, Sonnenhut, Zinnien und Studentenblumen für strahlendes Gelb. Dem erfrischenden Lustwandeln durch ein grenzenloses Gartenreich voller kulinarischer Genüsse steht 2020 also nichts mehr im Wege.

Ein großes Expertenteam

Uferpark, Landungsplatz, Uferpromenade und Mantelhafen geplant hat die Landschaftsarchitektin Marianne Mommsen, relais LA Stuttgart/Berlin. Das dauerhafte Pflanzkonzept für alle vier Bereiche hat der Pflanzplaner Mark Krieger gemeinsam mit seiner Kollegin Ingrid Gock entwickelt. Die neu konzipierten Beete in den innerstädtischen Bereichen hat das Team der Überlinger Stadtgärtnerei bepflanzt. Die Gestaltung des Wechselflors während der Ausstellungsdauer 2020 fällt in den Bereich von Petra Pelz. Zierpflanzen- und Staudengärtner aus der Region werden den Wechselflor mit ihren Pflanzen bestücken.