Mehrere Hundert Bürgerinnen und Bürger kamen am Mittwochabend zur Bürgerversammlung in den Kursaal. Insgesamt 17 Bürgerinnen und Bürger stellten Fragen oder meldeten sich mit einem Statement zur Wort. Oberbürgermeisterin Sabine Becker schloss die Versammlung mit dem Appell: “Trauen Sie uns das zu – wir schaffen das. Gehen Sie zur Wahl. Wir brauchen jede Stimme. Jede Stimme zählt.” Zuvor hatte ein Bürger das Fazit des Abends formuliert und erklärt: “Alle in Überlingen wollen einen grünen Park und Geld aus Stuttgart.”
Befürworter der Landesgartenschau waren in der Mehrzahl. Der heftigste Applaus brandete auf, als Podiumsteilnehmer wie Prof. Hubert Möhrle, Vorsitzender der Förderungsgesellschaft Landesgartenschauen, Oberbürgermeister Jürgen Großmann aus Nagold, der Landesgartenschaustadt 2020, und Oberbürgermeisterin Sabine Becker auf kritische Fragen antworteten und die Vorteile des Stadtentwicklungsprojekts plastisch schilderten.
Wie ein roter Faden zog sich die Frage durch den Abend, ob es nicht möglich wäre, die einzelnen Projekte Schritt für Schritt und nach und nach umzusetzen. Hier lautete die Antwort der Podiums Nein. Weitere Themen waren die Finanzierung und der Verkehr.
In Kurzinterviews äußerten sich Prof. Donata Valentien, die Vorsitzende des Preisgerichts war, und Prof. Hubert Möhrle. Landschaftsarchitektin Marianne Mommsen stellte ihre Entwurfsplanung vor. Zu Wort kamen außerdem ausführlich Erich Herrmann vom Ministerium für Ländlichen Raum, Martin Richter, Geschäftsführer der Förderungsgesellschaft für die Baden-Württembergischen Landesgartenschauen, sowie OB Jürgen Großmann aus Nagold und Bürgermeister Julius Mihm aus der Landesgartenschaustadt 2014 Schwäbisch Gmünd. Bürgermeister Ralf Brettin stellte das in mehrere Teile gesplittet Gesamtprojekt Landesgartenschau einschließlich der Kosten vor. Durch den Abend führte SWR-Moderatorin Andrea Müller.
Nach einem straffen, kompakten Anfang mit vorbereiteten Statements und Präsentationen der Akteure und Gäste auf dem Podium kamen bereits ab 20.20 Uhr Bürgerinnen und Bürger zu Wort. Sämtliche an den Saalmikrofonen gestellten Fragen wurden am Abend beantwortet. Einige Fragesteller hakten mehrmals nach. Die Diskussion endete erst nach mehr als drei Stunden gegen 22 Uhr. Geplant war zunächst, dass die Bürgerversammlung 90 bis 120 Minuten dauern sollte. (Weitere Berichte folgen .)
Trotz eines enormen Aufgebotes von “Rang und Namen” auf dem Podium blieb die Stimmung im Saal erstaunlich verhalten. Fünf Gründe:
1. Die Moderatorin hatte nicht ihren besten Tag und war offen parteiisch.
2. Bürgermeister Mihm schockte die Anwesenden mit der Bemerkung, dass die LGA in Schwäbisch Gmünd die städtische Verschuldung auf 100 Mio EUR katapultieren würde.
3. Bürgermeister Brettin bestätigte indirekt (wortreich ausweichend), dass unser Stadtpark/Rosengarten eingezäunt werden wird und wir dort Eintritt bezahlen dürfen.
4. Frau Becker drohte wider jede Vernunft, bei Ablehnung der LGA wäre wieder alles “offen”, einschließlich Hotel und Villen-Bebauung auf dem Grafschen Gelände. Das wurde von Vielen als Erpressung aufgefasst.
5. Die Abstimmungsvorlage ist juristisch unhaltbar: Wir dürfen nur über den sog. “Realisierungsteil” und “Durchführungsteil” abstimmen, bekommen nach Auskunft vom Podium dabei aber den “Konzeptteil” als Beigabe nachgeschoben.
Das ist dann in etwa so:
Sagt die Braut am Altar: “Du Schatz, übrigens – ich hab noch drei Kinder”
Nachtrag:
Name muss heissen: Roland Biniossek
Die Wahrnehmungen können sehr unterschiedlich sein. Ich habe eine tolle Stimmung im Kursaal erlebt. Der Hinweis, daß bei Ablehnung der LGA die Bebauung des Grafschen Gelände wieder offen sei – kam nicht als Drohung sondern als Realitätszeichen an. Und Herr Brettin hat nichts von Einzäunung des Stadtgarten erwähnt.
Eine “tolle” Stimmung konnte schon deshalb nicht aufkommen, denn
6. als OB Großmann aus Nagold den Saal mit seiner Rekordzahl von 1 Million Besuchern in Nagold begeistern wollte, erntete er lediglich betretenes Schweigen. Man sah vor seinem inneren Auge eine sich -in unserer im Sommer eh schon überlaufenen Stadt- wälzende und wogende Menge von 2 Millionen LGA-Besuchern und Tagestouristen. Da wurde es Vielen doch ganz schön mulmig.
Wollen wir dieses schreiende Event-Theater und diese Menschenmassen wirklich über Monate hinweg ertragen ?
Wie wollen wir leben ?
Wenn Sie schon OB Großmann zitieren, dann bitte auch vollständig. OB Großmann sagte, daß die Stadt Nagold auf alle Eventualitäten – sprich zuviel Gäste – vorbereitet war, bis zur einer möglichen Sperrung der Stadt. Dieser Fall ist aber nie eingetreten, da sich die Besucher in der ganzen Stadt verteilten. Die Nagolder sind stolz, daß sie 2012 die Landesgartenschau in ihrer Stadt ausgerichtet hatten. Ein nachhaltiges positives WIR Gefühl bei den Bürgen ist geblieben und die Stadt wird noch viele Jahre von dem Schub profitieren.
Wir werden es, da wir eh schon an der Belastungsgrenze mit Tagestouristen leben, mit einer untragbaren Verdoppelung an Besuchermassen zu tun bekommen. Unser “Wir”-Gefühl erleben wir dann im Menschen-Geschiebe unter Dauerbeschallung von sogenannten “Events”.
Der reinste Horror.
Guten Morgen Herr Biniossek. Vielen Dank für Ihre Beiträge. Wir möchten gern auch andere Bürgerinnen und Bürger einladen zu diskutieren. Erfahrungsgemäß schreckt es ab, wenn ein Kommentator die die Spalte alleine füllt. Nur noch eine abschließende Bemerkung sei uns gestattet. Sie schreiben von Dauerbeschallung? Wie kommen Sie auf die Idee? Wir reden von einem Landschaftspark und nicht von einem Freizeitpark. Wenn Sie Menschenmassen meinen, sollten Sie vielleicht mal durch Konstanz gehen.
o.k.
Es hatte Spass gemacht, mit Frau Würden angeregt zu diskutieren – hoffentlich haben andere Leser vom Argumentenaustausch profitiert.
Frau Würden wünsche ich im Sommer eine gute Zuckmayer-Aufführung- in der unserem liebenswerten Städtchen ein humoristischer Spiegel vorgehalten wird.
Also: Das war es dann erstmal.
Gute Zeit.
Plus-Minus-Liste
Kommentare und Leserbriefe zur LaGa 2020 werden immer unsachlicher und polemischer. Jeder sollte für sich das Für und Wider auflisten. Es gibt viele Minus aber auch viele Plus. Für mich überwiegen die Plus und wie jeder Macher etwas investieren muss, um Gewnn zu erzielen, so sind für mich diese Kosten auf die Zukunft hin gewinnbringend angelegt.
Sehr geehrter Herr Biniossek,
zunächst einmal sollten Sie Ihre Beiträge in der „Ich-Form“ schreiben, schließlich handelt es sich bei einem Kommentar um die persönliche, subjektive Meinung des Autors.
Dass die Wahrnehmungen sehr unterschiedlich sind und Sie nicht von sich auf andere bzw. den gesamten Saal schließen sollten, zeigt sich alleine schon dadurch, dass gerade bei Ihrer (auf mich äußerst befremdlich anmutenden) These über die Entmündigung der Bürger (durch einen Bürgerentscheid???), auf die Sie nun ja abermals unter Punkt 5 Ihres ersten Kommentars Bezug nehmen, ein großes Raunen durch den Saal ging und es zu etlichen negativen Zwischenrufen kam. Ich kann Ihre Argumentation auch alleine schon deshalb nicht nachvollziehen, weil es bei einem solchen Entscheid – wie von Herrn Brettin erläutert – schließlich nur EINE Frage geben kann, die eindeutig mit ja oder nein beantwortet werden muss.
Wenn Sie sich scheinbar sicher sind, dass die Abstimmungsvorlage „juristisch unhaltbar“ ist, würde ich an Ihrer Stelle unverzüglich rechtliche Schritte gegen den anstehenden Bürgerentscheid einleiten. Ansonsten sollten Sie Dinge, die Sie m.E. fachlich nicht beurteilen können, nicht als angebliche Tatsache in die Welt posaunen.
Ob WIR dieses – wie Sie es nennen – „schreiende Event-Theater“ und diese Menschenmassen über Monate hinweg „ertragen“ wollen, muss jeder Überlinger Bürger für sich selbst entscheiden, dies ist ja schließlich auch Sinn und Zweck des Bürgerentscheids. Ich will es – und mir scheint die Mehrheit der Überlinger auch, denn schließlich tun wir das bereits seit vielen Jahren jeden Sommer. Vielleicht liegt das ja aber auch daran, dass es sich bei den ach so negativen Menschenmassen um Gäste unserer Stadt handelt, die durch Ihre Besuche einen ganz erheblichen Beitrag dazu leisten, dass Überlingen heute eine so attraktive Stadt ist und es sicher auch weiterhin bleiben wird. Wer dies nicht möchte, der sollte entweder in eine andere, weniger attraktive und daher untouristische Region ziehen oder sich dafür einsetzen, dass wir den gesamten Bodensee weiträumig einzäunen, damit wir dieses schöne Stück Land ganz für uns alleine haben und die bösen Touristen gefälligst woanders hinfahren.
Um zum Schluss zu kommen: Die LGS 2020 und die damit einhergehenden, auf der Bürgerversammlung ausführlich dargestellten Fördermöglichkeiten sind aus meiner Sicht eine einmalige Chance für die Überlinger Stadtentwicklung. Nur die LGS bietet die Möglichkeit, den westlichen Teil der Stadt nachhaltig aufzuwerten und die heutige Brachfläche bis zum Jahr 2020 (!) zu einem Bürgerpark zu entwickeln und somit FÜR IMMER von jeglicher Bebauung (seien es Hotels, Stadtvillen,…) frei zu halten. Die Aussage von Frau Becker, dass ohne LGS die Bebauung des Grafschen Gelände wieder offen sei, ist keine Drohung sondern Realität. Die oft zu hörende Aussage, der Bürgerpark sei auch ohne LGS durchführbar oder die Stadt spare Geld, wenn sie keine LGS durchführe, ist m.E. an Naivität und Absurdität kaum zu überbieten. Wer dies behauptet, der lügt sich aus meiner Sicht selbst an.
Aber es soll ja Leute geben, die immer gegen alles sind. Ich habe gehört, manche davon organisieren sich sogar in Vereinen…