27. September 2019

Übers Wasser gehen

Noch nie gab es bei einer Landesgartenschau begehbare schwimmende Gärten. Der Überlinger Landschaftsarchitekt und Künstler Herbert Dreiseitl hat sie entworfen. Herbert Dreiseitl ist für seine Pionierleistungen ein international geachteter Experte, der seit mehr als drei Jahrzehnten weltweit auf dem Gebiet der lebenswerten Stadtentwicklung mit Fokus auf innovative nachhaltige Nutzungen und klimatisch angepasste Lösungen von urbanen Wassersystemen arbeitet. Seine jahrzehntelange Erfahrung macht ihn zu einem gefragten Autor für Fachbücher und Artikel sowie Vortrags- und Lehrtätigkeit unter anderem an der Harvard GSD Universität als Loeb Fellow und Professor in Praxis an der Nationalen Universität von Singapore. Herbert Dreiseitl hat 1980 das Atelier Dreiseitl in Überlingen gegründet (heute Ramboll Studio Dreiseitl) und ist in Forschung, Lehre und Beratung in seinem eigenen Studio DREISEITLconsulting international tätig.

Was dürfen die Gäste bei den Schwimmenden Gärten erwarten?
Einmal auf Stegen vorbei an schwimmenden Garteninseln über das Wasser zu gehen, das ist wohl einmalig: Der Blick über die glitzernde Fläche, umgeben von gestreuten Inseln, auf denen sich Objekte von Blüten und Gräsern im Wind wiegen, und die Alpen in der Ferne, das verspricht ein besonderes Erlebnis zu werden – einfach „Bodenseefeeling“ pur.

Was hat Sie daran gereizt, dieses von der Landesgartenschau gewünschte Thema umzusetzen?
Als hier lebender Künstler und Landschaftsarchitekt freute mich die Entscheidung für die erste Landesgartenschau am Bodensee. Doch das fordert auch einen besonderen, einen mutigen Umgang und eine direktere Beziehung zu unserem See. Nicht nur als Betrachter mit Abstand vom sicheren Ufer, sondern in direkter Tuchfühlung auch mit Wagnis und Risikobereitschaft.

Wie haben Sie sich dem Thema genähert?
Die Magie des Lichtes, der Wolkenstimmungen und der Reflektionen des Sees haben mich nicht nur als Ruderer zu allen Jahres- und Tageszeiten begeistert. Ich wollte allen Besuchern der Landesgartenschau diese Augenblicke des Innehaltens ermöglichen, auf einem Bogenschlag als Fächer auf dem See, mit Sitzgelegenheiten zum Chillout und zum Träumen. In der Entwicklung haben mir die vielen Gespräche mit den Landschaftsgärtnern geholfen, die Idee reifen zu lassen.

Hat Sie auch Christo mit seinen Floating Piers auf dem Iseosee inspiriert?
Die Installation von Christo habe ich leider nicht selbst gesehen und den Film dazu habe ich erst vor kurzem im Überlinger Kino gesehen. Aber jede solche Installation auf einem unberechenbaren See ist eine Herausforderung und die technischen und administrativen Hürden, wir sind leider nicht in Italien, brachten mir manche schlaflose Nacht – da war der Film mit den Erfahrungen von Christo für mich ein echter Trost und Ansporn.

Sie arbeiten gerne und oft mit oder am Wasser. Was war bei diesem Projekt so besonders?
Das Besondere ist, die Beweglichkeit zu behalten und dennoch die konstruktiven Verbindungen in Festigkeit zu schaffen, wenn es darauf ankommt. Das gilt übrigens für die physische Konstruktion wie auch für die Entwurfsidee gleichermaßen. Das Wesen des Wassers ist eben sehr lebendig und vielschichtig. Flexibel und anpassungsfähig zum einen doch auch beharrlich, konsequent und kraftvoll wie das Leben andrerseits.

Welche Schwierigkeiten bringt der Bodensee mit sich?
Der Bodensee ist nicht zu unterschätzen und ich habe einen sehr großen Respekt vor der Unberechenbarkeit der plötzlich auftretenden Unwetter und der kurzen kraftvollen hohen Wellen, die zerstörende Kraft haben. Wer die letzten Stürme dieses Jahres erlebt hat, wird nachvollziehen, wie alle Beteiligten an der Planung intensiv nach den besten Möglichkeiten der Verbindungen und Verankerung der Inseln und Stegelemente gerungen haben. Dabei spielen auch die jahreszeitlich schwankenden Wasserstände und Strömungen im See eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wir arbeiten sehr sorgfältig mit erfahrenen Fachleuten, jedoch mit einem für diese Aufgabe recht begrenzten finanziellen Budget.

Wie begegnen Sie all diesen Herausforderungen?
Ganz im Sinne von Hermann Hesse, der bekanntlich einige Zeit hier am Untersee gelebt hat: „Damit das Mögliche entstehe, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.“