19. November 2018

„Den See in seiner ganzen Vielfalt zeigen"

2020 kommt die Landesgartenschau nach Überlingen und damit zum ersten Mal an den Bodensee. Dass dem 536 Quadratkilometer großen Binnengewässer vom 23. April bis 18. Oktober 2020 ein eigener Pavillon im Uferpark gebührt, stand nicht allein für das LGS-Team schnell fest. Auch Martin Wessels, stellvertretender Leiter des Instituts für Seenforschung in Langenargen, unterstützt, gemeinsam mit anderen Partnern, das Vorhaben.

Herr Dr. Wessels, Sie sind oft auf dem Bodensee unterwegs. Ist er für Sie noch etwas Besonderes?
Der See ist immer etwas Besonderes, weil er so viele Facetten hat. Sie reichen von den flach abfallenden Ufern bis zu den Steilwänden vor Überlingen oder in die größten Wassertiefen mit ihren unterschiedlichsten Erscheinungsformen. Die Arbeit unseres Instituts ist sehr vielfältig, da mit dem Gewässer die verschiedensten Themen verbunden sind.

Was macht den Bodensee aus?

Zum einen seine schiere Größe. Er ist ein riesiger Trinkwasserspeicher. Zum anderen seine wechselvolle Historie bezüglich der Belastung mit Schad- und Nährstoffen. Wir wissen recht viel über den See, da er seit Jahrzehnten wissenschaftlich begleitet wird. So hat sich ein insgesamt stimmiges Bild über seinen Zustand ergeben. Aber wenn man viel weiß, ergeben sich häufig neue Fragen. Gerade am Bodensee haben wir Dinge beobachtet, mit denen wir als Seenforscher so nicht gerechnet hatten.

Zum Beispiel?

Die starke Verbreitung einer Blaualgenblüte im vorletzten Jahr. Laut Lehrbuch tritt sie immer dann auf, wenn ein See stärker mit Nährstoffen belastet ist. Am Bodensee ist die Lage genau umgekehrt. Das Wasser ist wieder nährstoffarm, und trotzdem gab es eine starke Blaualgenblüte, was wir zu Zeiten hoher Nährstoffbelastung nicht beobachtet hatten. Wir vermuten, dass das mit dem Klimawandel und der Durchmischung des Sees zusammenhängt.

Gab es noch weitere Veränderungen?

Ein anderes Beispiel ist das massenhafte Auftreten von Stichlingen. Dieser Fisch gehört eigentlich nicht in den See, aber derzeit sind vier von fünf Fischen Stichlinge. Diese Entwicklung war völlig unerwartet. Wie sich das auf die anderen Fischbestände auswirkt, kann man nicht so leicht sagen, da die ökologischen Vernetzungen sehr komplex sind. Fakt ist aber, dass der Stichling sich von Zooplankton ernährt und damit auch ein Nahrungskonkurrent für andere Fische ist, vermutlich frisst er auch Fischlaich und Felchenlarven.

Wie beurteilen Sie den Gesamtzustand des Sees?

Im Bereich der biologischen und chemischen Gewässerqualität geht es dem See gut. Die Nährstoffe sind auf ein annähernd natürliches Maß zurückgegangen. Aber Neuankömmlinge wie Stichlinge und die Quagga-Muschel verursachen massive Probleme. Sind Organismen in das Gewässer eingetragen, die eigentlich nicht dorthin gehören, wird man sie kaum wieder los. Deshalb muss man das Ökosystem Bodensee sehr genau beobachten. Ein weiteres Problem sind die stark verbauten Uferbereiche. Zwei Drittel sind am Bodensee nicht mehr naturnah.

Mit der Landesgartenschau wird in Überlingen knapp ein Kilometer entlang des Ufers naturnah gestaltet. Welche Bedeutung hat das?

Die Situation in Überlingen war für uns schon vor der Entscheidung für die Landesgartenschau ein wichtiges Thema. Bis vor kurzer Zeit dominierten eine Baustoffhandlung, eine Ufermauer und eine Straße, die unmittelbar am See entlangführte, das Bild. Die Straße vom Seeufer wegzunehmen war ein ganz zentraler Punkt für eine naturnähere Nutzung.

Inwiefern?

Jetzt sind Sand- und Kiesverfrachtungen eingeschränkt wieder möglich. Vegetation mit Gräsern, vielen Insekten und allem, was dazugehört, kann sich ansiedeln und ausbreiten. Und auch der Mensch kann einen naturnahen Uferbereich erleben. Er wird den See wahrnehmen können ohne im Strandbad sein zu müssen.

Im Ausstellungsjahr werden rund 800 000 Gartenschaubesucher in Überlingen erwartet. Für die Themen rund um den See soll ein gesonderter Pavillon entstehen.

Das ist eine tolle Möglichkeit, viele Menschen zu erreichen, sie kurz und prägnant zu informieren und Bewusstsein für das im Gewässerschutz Erreichte, aber auch für die aktuellen Probleme des Sees zu schaffen.

Wie stellen Sie sich das vor?

Zum Beispiel über Ausstellungen, die Fachleute konzipieren. Wir, als Institut für Seenforschung, unterstützen das Projekt mit den Ergebnissen unserer Forschungsarbeit.

Was sollte thematisiert werden?

Die Rolle des Trinkwasserspeichers ist sehr wichtig, weil von der Gewässerqualität sehr viel abhängt. Dann sollten die Besucher mehr darüber erfahren, dass Teile unseres alltäglichen Handelns durch Spurenstoffe im See nachweisbar sind. Mitten in diesem riesengroßen Gewässer konnten wir zum Beispiel Rückstände von Medikamenten und Röntgenkontrastmitteln nachweisen. Die Belastung ist nicht kritisch, aber ein wichtiger Aspekt. Weitere Punkte sind der Einfluss der genannten Neuankömmlinge und die Geschichte des Sees.

Möchten Sie die Besucher auch virtuell mit unter Wasser nehmen?

Unbedingt. Die Vermessung des Sees mit einem sogenannten Fächerecholot und mit Laserscan-Methoden hat uns in den letzten Jahren intensiv beschäftigt. Aus den Daten können wir sehr viele Erkenntnisse ziehen. Und dank der hochauflösenden Bilder und den modernen Methoden der Visualisierung kann man unter Wasser unbekannte Landschaften entdecken und den Seeboden mit seinen unterschiedlichsten Strukturen erleben. Es ist unglaublich faszinierend.

Wofür möchten Sie die Gäste besonders sensibilisieren?

Mir ist wichtig, dass die Leute begreifen, dass dieser See in seiner Form und Schönheit nicht selbstverständlich ist. Es kümmern sich sehr viele Leute um seinen Schutz. Immer wieder muss auch regulierend eingegriffen werden, um sein Ökosystem zu erhalten, ihn als Trinkwasserspeicher, aber auch als touristisches Ziel zu bewahren. Diesbezüglich haben wir aus der Vergangenheit viel gelernt.

Meinen Sie etwas Bestimmtes?

Ist eine Veränderung einmal eingetreten, wie zum Beispiel die hohe Phosphorbelastung in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, braucht man einen unglaublich langen Atem, um Entwicklungen rückgängig zu machen. Seit der Gründung der Internationalen Gewässerschutzkommission 1959 und dem Bau zahlreicher Kläranlagen hat es mehr als 20 Jahre gedauert, bis die Nährstoffbelastung zurückging. Der See mit seinem Einzugsgebiet besitzt als System eine enorme Trägheit. Dementsprechend muss man vorsichtig handeln und mit wissenschaftlicher Arbeit versuchen, mögliche negative Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und lenkend einzugreifen. Wenn die Besucher verstehen, dass dieser vorsorgende Gewässerschutz notwendig ist, haben wir schon viel erreicht.

Seepavillon

Die Themen des Sees in Szene zu setzen, ist das Ziel einer Expertengruppe. Mit dabei sind Vertreter des Regierungspräsidiums, der Bodenseewasserversorgung, des Landratsamts Bodenseekreis, des Umweltministeriums, der Landesgartenschau Überlingen 2020 GmbH und des Instituts für Seeforschung in Langenargen (ISF). Eine Hauptaufgabe des Instituts ist die Untersuchung des Bodensees. Dank der Arbeit der Wissenschaftler gilt er als einer der am besten untersuchten Seen weltweit.